Neumann würdigt polnische Freiheitskämpfer als Wegbereiter der europäischen Einheit – Rede zur deutsch-polnischen Partnerschaft

Die Rede von Josef Neumann als Audiostream:

 

Anlässlich des Erinnerns an 25 Jahre Mauerfall hat heute Josef Neumann in seiner Rede die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen NRW und Polen gewürdigt und sich vor den Leistungen der einzelnen und der vielen im Kampf für Freiheit und Demokratie in Polen verneigt.

Neumann gedachte des Einsatzes herausragender Persönlichkeiten , derjenigen Adam Michniks, Bronisław Geremeks oder Karol Wojtyłas, des späteren Papstes Johannes Paul II., wie auch des Mutes der „namenlosen“ und in keinen Geschichtsbüchern zu findenden Bürger, der erst die Wende ermöglichte und teilweise mit dem eigenen Leben bezahlt wurde:
„Auch und gerade die Wende im Ostblock und der Mauerfall waren und sind ein Gemeinschaftswerk der vielen, die nach ihren jeweiligen Möglichkeiten aktiv die Freiheit erzwungen haben.“

Darüber hinaus erinnerte Neumann an die lange grenzübergreifende Vorgeschichte des Mauerfalls, beginnend mit dem Aufstand des 17. Juni und dem späteren Ungarischen Volksaufstand.

Zugleich betonte der Abgeordnete deutsch-polnischer Herkunft die von Schmerz und Leiden geprägt gemeinsame Geschichte. Wohl kaum ein anderes Land, so Neumann, habe so unter der Terrorherrschaft des NS-Regimes und seiner vielen Helfer gelitten wie Polen:
„Die Ostpolitik Willy Brandts und sein Kniefall in Warschau sind wie keine andere Geste Ausdruck einer Geschichte untrennbarer Gemeinsamkeit und unerhörten Schmerzes.“

Neumann verdeutlichte die unmittelbare Verwobenheit der nordrhein-westfälischen mit der polnischen Geschichte, manifestiert in der Ruhrgebietsmigration, der Integration der Heimatvertriebenen und Spätaussiedler sowie der gegenwärtigen Neuzuwanderung von Polinnen und Polen als der größten Einwanderergruppe.
Josef Neumann verwies auf die vielfältigen gemeinsamen Strukturen und politischen Partnerschaften, beispielweise zwischen den Regionen NRW, Schlesien und Nord-Pas-de-Calais.

Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ zitierend drückte der in Stary Targ geborene Sozial- und Europapolitiker seine Hochachtung für das kollektive Engagement im Namen der Menschenrechte und Versöhnung aus und schlug eine Brücke in die Gegenwart:
„Wir sind den Menschen, die der Versöhnung den Weg geebnet haben, verpflichtet, eben diese Strukturen lebendig zu halten, und das heißt auch: weiterzuentwickeln.

Insbesondere die jungen Polen sind heute in der Tradition der Freiheitsbewegung die überzeugtesten Europäer.“

Lesen Sie hier die gesamte Rede im Wortlaut:

Sehr geehrte Damen und Herren!

Wer vom Mauerfall vor 25 Jahren, von der Öffnung des Eisernen Vorhangs und der Deutschen Einheit, die sich 2015 zum 25. Mal jährt, spricht, der darf nicht von Polen schweigen.
Dem Land, das eine herausragende Rolle in diesem Prozess spielte und das aufs Engste mit Nordrhein-Westfalen verwoben ist.
Lassen Sie uns also über Polen reden.

Selbstverständlich kann und muss man über herausragende Persönlichkeiten sprechen.
Ich nenne etwa Adam Michnik, Anna Walentynowicz, Tadeusz Mazowiecki, Bronisław Geremek, Władysław Bartoszewski, Lech Wałęsa und nicht zuletzt den katholischen Krakauer Studenten, Priester, Erzbischof, Kardinal Karol Wojtyła und späteren Papst Johannes Paul II als unbeugsamen Unterstützer des Widerstands gegen die Naziherrschaft und den Kommunismus. Diese Menschen, einige unter ihnen Intellektuelle, andere Arbeiterinnen und Arbeiter, haben im Kontext der Gewerkschaftsbewegung Solidarność zugunsten von Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenrechten große Opfer gebracht.
Diese Persönlichkeiten waren Schrittmacher der Demokratisierung, des Mauerfalls, der Wiedervereinigung. Sie allein?
Nein. Ohne das Heer der Bürgerinnen und Bürger wäre ihrem Wirken letztlich kein Erfolg beschieden gewesen. Gedenken wir insbesondere der zahlreichen Namenlosen, die den Kampf für Freiheit und Demokratie in Polen und anderswo mit ihrem Leben bezahlt haben.

Zudem ist der Mauerfall natürlich nicht isoliert zu betrachten, sondern einzubetten in den Zusammenhang einer internationalen Vorgeschichte. Ich erwähne nur – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – den Aufstand in Ungarn, den Volksaufstand des 17. Juni, den Prager Fühlung 1968 und dessen blutige Niederschlagung – und nicht zu vergessen: die Dissidenten in der ehemaligen Sowjetunion.

Die Ostpolitik Willy Brandts und sein Kniefall in Warschau sind wie keine andere Geste Ausdruck einer Geschichte untrennbarer Gemeinsamkeit und unerhörten Schmerzes.

Wohl kaum ein anderes Land hat so unter der Terrorherrschaft des NS-Regimes und seiner vielen Helfer gelitten wie Polen.

Vor diesem Hintergrund ist es ein Geschenk und eine Gnade, dass wir heute Zeiten tiefer deutsch-polnischer Freundschaft und Partnerschaft erleben dürfen.
Wie kein anderes Land ist Nordrhein-Westfalen dafür prädestiniert, denn es gibt eine gewachsene nordrhein-westfälisch-polnische Geschichte, die scheinbar wundersamerweise immer (weiter) fortgeschrieben wird:

Das Ruhrgebiet und die heutige westfälische Industrie existierten nicht so ohne die polnische Migration,
Millionen von Heimatvertriebenen und Spätaussiedlern waren Motoren des Aufschwungs in NRW und zugleich Botschafter der Verständigung.
Gegenwärtig stellen Polinnen und Polen die größte Neuzuwanderergruppe in NRW dar.
Viele Städte- und Schulpartnerschaften zeugen davon, dass lebendige Partnerschaft eine Frage der Praxis und unmittelbaren Begegnung ist.
NRW und Schlesien sind über die menschlichen Verflechtungen hinaus strukturelle Verwandte, beide traditionelle Industrieregionen, beide im Strukturwandel.
Das aktive Regionale Weimarer Dreieck zwischen NRW, Schlesien und Nord-Pas-de-Calais im Herzen Europas trägt die Handschrift zukunftsweisender europäischer Solidarität.

Wir sind den Menschen, die der Versöhnung den Weg geebnet haben, verpflichtet, eben diese Strukturen lebendig zu halten, und das heißt auch: weiterzuentwickeln.
Insbesondere die jungen Polen sind heute in der Tradition der Freiheitsbewegung die überzeugtesten Europäer.

Sie kennen gewiss Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“. Dort heißt es, ich zitiere, „Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein?“. Und weiter oben schreibt er „Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen“.
Brecht hat recht. Eine rein personenzentrierte, auf einige wenige reduzierte Geschichtsschreibung greift zu kurz.

Auch und gerade die Wende im Ostblock und der Mauerfall waren und sind ein Gemeinschaftswerk der vielen, die nach ihren jeweiligen Möglichkeiten aktiv die Freiheit erzwungen haben.

Daran erinnern wir und danken von ganzem Herzen!