„Leid von Verschickungskindern endlich anerkennen“

Sie wurden millionenfach weggeschickt. Von heute auf morgen, im Kindesalter. Meist mehrere Wochen weg von zuhause. Zur Erholung oder Kur hieß es stets. Aber das, was die „Verschickungskinder“ während ihres Aufenthaltes in Heimen ereilte, waren nicht selten Angst und Schrecken. Essenszwang, Prügel, Drangsal waren an der Tagesordnung. Bis heute ist ungeklärt, wer für die sogenannte Verschickung verantwortlich war. Fest steht nur, dass das System seit den 1950er bis in die 1990er Jahre existierte. Viele Betroffene leiden bis heute darunter, zum Teil unter schweren Depressionen und Angstzuständen. Erst langsam beginnen sie zu verstehen, was mit ihnen passiert ist. Und sie haben begonnen, sich zu finden und sich zu artikulieren.

Der familienpolitische Sprecher der SPD, Dennis Maelzer, und der gesundheitspolitische Sprecher der Fraktion, Josef Neumann, trafen sich kürzlich mit Vertreterinnen und Vertretern einer Selbsthilfe-Gruppe zum Gespräch.

„Die Erlebnisberichte haben mich im Mark erschüttert“, berichtet Maelzer von der Begegnung. Ihm war sofort klar, dass das Land hier initiativ werden muss. Zusammen mit Josef Neumann hat er für die SPD-Fraktion nun einen Antrag für das kommende Plenum (7./8. Oktober) formuliert, mit dem sie die Landesregierung dazu auffordern, sich ihrer Verantwortung zu stellen und die Aufklärung und Aufarbeitung des Themas voranzutreiben. „Es geht darum, das Leid der Betroffenen deutlich zu machen und endlich anzuerkennen“, so Neumann. Zu diesem Zweck solle die Landesregierung neben therapeutischen Angeboten für die Betroffenen auch den Aufbau einer Geschäftsstelle vorantreiben. „Wir wollen den Verschickungskindern dabei helfen, Zugang zu Archiven zu bekommen und eine eigene Organisationsstruktur aufzubauen“, sagt Dennis Maelzer. „Dazu muss das Land die nötigen Mittel bereitstellen“, ergänzt Neumann. „Das hat auch was mit Verantwortungsbereitschaft zu tun.“

Wichtig ist den beiden Parlamentariern, dass ihre Initiative möglichst breite Unterstützung findet und im Konsens über die Zielsetzung diskutiert wird. Dennis Maelzer: „Das Schicksal der Betroffenen eignet sich nicht zu parteipolitischer Auseinandersetzung. Wir sind es ihnen schuldig, dass wir hier gemeinsam an einem Strang ziehen.“