„Raus aus den Hütten!“ (Josef Neumann) – Inklusiv wohnen und leben

„Miteinander wohnen und leben“ stand im Mittelpunkt der jüngsten Diskussion einer  inklusionszentrierten Veranstaltungsreihe des „autismus / Rhein-Wupper e.V.“ unter der Schirmherrschaft von Josef Neumann, dem inklusionspolitischen Beauftragten der SPD-Landtagsfraktion. Anlass und Anstoß ist die Entwicklung erster inklusiver Wohnprojekte, welche gerade auch Menschen mit Autismus ein möglichst stressfreies, bedarfsgerechtes, individualisiertes Wohnen bei gleichzeitiger Integration ins Quartier zu bieten versuchen. Der Podiumsdiskussion mit dem Wuppertaler Abgeordneten vorgeschaltet waren eine Präsentation des Freiburger sozial-inklusiven Modellwohnprojektes VAUBANaise sowie ein Erfahrungsaustausch von Menschen mit Asperger-Syndrom (Störungsform innerhalb des Autismusspektrums).

Das Querschnittsthema Inklusion, bis 2010 noch weitestgehend ein Schattendasein im gesellschaftspolitischen Breitendiskurs fristend, ist, so Neumanns zentrale Botschaft, unwiderruflich in den Regionen und Kommunen angekommen. Keine Wahl, kein Wahlprogramm kommt an ihm vorbei. Neumann verglich den Umfang und die Qualität des notwendigen Transformationsprozesses mit der Energiewende. „Wer glaubt, Inklusion heiße, einem bestehenden segregativen System, etwa in den Bereichen Wohnen und Arbeit, ein inklusives beizugesellen, der hat den Grundgedanken nicht wirklich zu Ende gedacht.“

Auf dem Podium tauschte sich Josef Neumann, der unmittelbar von einer Vorbesprechung des Europarates in Berlin zur Runde hinzustieß, mit Dr. Bodo Küpper, einem infolge der Revitalisierung des Wuppertaler Wohnquartiers Arrenberg stadtweit bekannten Projektentwickler, und dem Repräsentanten von VAUBANaise, Urs Bürkle, über die Perspektiven Wuppertals als eines inklusiven Wohn- und Lebensraumes aus. Küpper plädierte für ein weites Verständnis sozialer Inklusion, das gesellschaftlichen Ausschluss gleich welchen Grundes insgesamt bekämpfe, und verwies auf das Erfordernis inklusiver Sozialräume jenseits einzelner barrierefreier Wohnobjekte. Unverzichtbar sei eine neue, wiederzuentdeckende Kultur der Nachbarschaft als Kitt eines gleichberechtigten Miteinanders: „Es reicht nicht, wenn die Menschen mit Behinderung im Verein oder im Stadium in der ersten Reihe sitzen. Das ist nicht Inklusion.“

Bürkle wiederum appellierte zu mehr Mut und Konsequenz samt zivilgesellschaftlicher Solidarität, um innovativen Projekten bestehender bürokratischer Hürden und etablierter Strukturen zum Trotz erfolgreich den Sprung in die Wirklichkeit zu ermöglichen. Neumann benannte detailliert Herausforderungen und Fährnisse auf dem Weg zur tatsächlichen Inklusion und schilderte ungeschminkt die massiven Defizite bei der Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Persönliches Budget für Menschen mit Behinderungen. Inklusives Leben und Wohnen bedeute unweigerlich den Schritt hinein in die urbanen Räume weg von den infrastrukturell problematischen Stadträndern; Wohnen in Wohngemeinschaften inmitten der Städte werde, so Neumann, indes nicht billiger sein können als die bisherigen exklusiv-segregativen Bedingungen,

Insgesamt aber seien die gegenwärtigen Auseinandersetzungen über die Finanzierung nur scheinbar in einem Mehr oder Weniger begründet, es handle sich vielmehr um Verteilungskämpfe. Die in toto in den vorhandenen parallelen Systemen verfügbaren Mittel reichten für die Realisierung der inklusiven Gesellschaft hin.

Als obersten Auftrag an die politisch Handelnden identifizierte der Inklusions-, Sozial- und Europapolitiker die effektive und effiziente Organisation des Prozesses unter intelligentem Einsatz europäischer Strukturfonds in der neuen Förderphase ab 2015. Reduktionistische, defensive Kostendiskussionen übersähen zudem das erhebliche Wachstumspotential im Sozial- und Gesundheitsmarkt, nicht zuletzt für Strukturwandelregionen wie das Bergische Land.

Arbeitsauftrag II: Die aktive Bürgergesellschaft sei für das Thema „Inklusion“ zu gewinnen, ihr Interesse zu entfachen. Ebenso die „Mehrheitspolitik“.

Arbeitsauftrag III, zugleich heimliches Motto des Abends: Für die Menschen mit Behinderung, im Übrigen der Zahl nach allein schon ca. 10 Mio. rechtlich anerkannt, gelte von jetzt an: „Raus aus den Hütten!“

Josef (2)