„Wir sollten uns stets daran erinnern, dass das einige Europa eine Landschaft nach der Vernichtung ist“

Josef Neumann würdigt Werkschau von Jonasz Stern in Solingen

Die folgende Rede hielt der Landtagsabgeordnete Josef Neumann anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Leben nach der Vernichtung“, die erstmals das umfassende Werk eines der bedeutendsten bildenden Künstler Polens, Jonasz Stern, der Öffentlichtkeit veranschulicht. Lesen Sie hier die Rede im Wortlaut:

Sehr geehrte Damen und Herren!

Am Ende seines Lebens, so meinte die berühmte in Krakau geborene israelische Autorin und Sapir-Preis-Trägerin Alona Frankel, malte er Grabsteine, jüdische Grabsteine, mit der Aufschrift „Hier liegt Jonasz Stern“.

Frankel spielt dabei insbesondere auf seine halbabstrakten bis abstrakten, surreal anmutenden Werke an. Werke, die von den intensiven Nutzung der Oberflächenstruktur, dem Stilmittel der Collage und Assemblage von Gegenständen und der organisch wirkenden Montage anorganischen Materials gekennzeichnet sind und zugleich immer wieder die dauernde Präsenz der Shoah als eines ganz konkreten Aktes der Zerstörung und des Mordes an so vielen einzelnen aufscheinen lassen.

 Grabsteine und Grabinschriften sind mehr als Beglaubigungen des Todes und Manifestationen des Gewesenen. Sie sind für die Lebenden gemacht und schlagen eine Brücke der Kommunikation zwischen Tod und Leben, zwischen den Verstorbenen und den Lebendigen.

Sterns Leben und Sterns künstlerisches Werk tragen die Signatur von

Tod, Auslöschung, Weiterleben.

Vernichtung, Verlust, Wiedergeburt.

Spuren gelebten und vernichteten Lebens sind da und die Rettung dieser Spuren für die Nachwelt. Die unwiderrufliche Welt des Danach, nach dem Zivilisationsbruch namenlosen Schreckens, ist ebenso die Welt des Nie-mehr-Wieder, in vielfachem Wortsinn, in all seinen Bedeutungen.

Feststellung gleichermaßen wie Appell.

Intelligenter hätten man den Titel der Ausstellung wohl kaum wählen können:

„Landschaft nach der Vernichtung“.

 

Sterns Leben ist einzigartiges, besonderes Leben, das dem Versuch der Nazis, mit den Menschenleben zugleich Namen, Gedächtnis, Werte und Ideale zu vernichten, entgegensteht.

Sein Leben ist darüber hinaus politische Botschaft und Mahnung. Es lässt Schlüsse für und auf die Gegenwart zu und fordert uns zum Handeln auf, ohne dass aus meiner Sicht zu einfache Gleichsetzungen und Parallelisierungen zwischen NS-Zeit und Jetzt-Zeit statthaft wären. Wir kommen darauf noch zu sprechen.

Die wichtigste politische Botschaft dieses besonderen, mutigen, lebensbejahenden, gleichwohl von unermesslichem Leid gezeichneten Lebens ist womöglich dieses selbst: die unerschütterliche Verteidigung der Menschenwürde wider ihre Anfechtungen und die Verteidigung des Rechtes auf ein freies, selbstbestimmtes Leben.

Seine Kunstwerke erweisen sich als beides: Fortleben und Wiederauferstehung, aber auch als Grabinschriften des eigenes Daseins und des eigenen Todes, schon zu Lebzeiten.

Zuletzt und fortwährend bleibt er lebendig durch sein Schaffen. Vergessen wir dieses so Wichtige und unbedingt zu Verteidigende nicht: das Fortleben hier und heute in den Köpfen auf dem Weg der Ausstellung und Veröffentlichung.

Stern wurde und ist mehr als einmal begraben, ist mehr als einmal gestorben, ist mehr als einmal wiederauferstanden.

Ebenso sein Werk. Alle Arbeiten der ersten Phase ließ er bei seiner Flucht aus Krakau nach Lemberg im Atelier zurück, sie überstanden den Krieg nicht.

Weil er jüdischer Pole war, internierten ihn die deutschen Besatzer im Lemberger Ghetto. Aufgrund seines Engagements im Untergrund wurde er ins Vernichtungslager Belzec deportiert. Ihm gelang es, dem Transport zu entkommen und ins Ghetto zurückzukehren.

Besagter Schriftstellerin und Freundin der Familie Stern, Alona Frankel, verdanken wir das Wissen ob seines nächsten Todes.
Das nächste Mal geriet Stern in die Liquidierung des Ghettos Lemberg. Mit einer Gruppe von weiteren Juden wurde er gefangengenommen.

Deutsche Sicherheitskräfte, die letztlich die Fußtruppen der Vernichtung der Ghettos und der Landbevölkerung waren, trieben sie mit abgerichteten Hunden in einen friedlichen, ganz stillen Birkenwald nahe der Stadt Lemberg.
Dort wurden sie unter Waffengewalt aufgefordert, Gruben auszuheben, ihre eigenen Gräber, genauer: ein Massengrab zu graben. Ihr eigenes. Sie hatten sich zu entkleiden und nackt am Rande der Grube sich aufzustellen.
Gruppenweise mussten sie Aufstellung nehmen, Stern in der ersten Gruppe.
Das Erschießungskommando legte an und feuerte, sie stürzten in die Grube, Stern, wundersamerweise nicht getroffen, unter ihn. Mehrere Gruppen folgten, dasselbe Prozedere. Die Leichen der Ermordeten fielen auf Jonasz Stern.
Er lag lebendig unter den Körpern der Erschossenen begraben und bedeckt von ihrem Blut.
In der Stille der Nacht nach Verschwinden der deutschen Polizeikräfte und ihrer Hunde krabbelte er aus dem Leichenberg. Gestorben und wiederauferstanden.
Stern rannte bis zum Morgen, bis zum Rand eines Dorfes. Dort fand ihn ein Mädchen, dessen Mutter ihm half und ihn mit Essen und Kleidung versorgte.

Die namentlich wohl nicht bekannte Frau schenkte ihm damals, um dies wenigstens beim Namen zu nennen, in einer Geste überlebender Menschlichkeit nach der Vernichtung und in Zeiten, in denen das Morden und die Politik der Vernichtung die Herrschaft innehatten, Nahrung, etwas anzuziehen und einen Augenblick Schutz und Sicherheit.

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Fortan blieb immer weiter der Tod sein Begleiter auf der Flucht bis zum Ende des Krieges, als er direkt schnellstmöglich von der rumänischen Grenze nach Krakau zurückkehrte

Saul Friedländer berichtete auf einer Holocaust-Konferenz in den 80er Jahren einmal darüber, wie es ihn zerreißt, wenn er minutiös, in nüchternem Ton, Satz für Satz das Grauen herunterschreibt. Und ließ dabei doch keinen Zweifel daran, dass es sein muss um der redlichen geschichtswissenschaftlichen Rekonstruktion wider das Vergessen und Unwissen willen.

Uns so muss es sein – im Wissen, dass die Aufzeichnung das Geschehene doch immer wieder verfehlt und ihm nicht eigentlich gerecht wird.
Da war wenig abstrakte Apokalypse, wenig Metaphysik, doch umso mehr persönliche Tat. Tausende ganz normaler deutscher Männer und zum Teil auch Frauen ermordeten Millionen polnischer und anderer Juden – mit ihren Gewehren, im Gas, gelegentlich mit bloßen Händen.

 

Stern war zeit seines Lebens mindestens dreifach anstößig, als Jude, als Anhänger der kommunistischen Weltanschauung, als Künstler.

Als Juden hatten ihn die deutschen Besatzer der Vernichtung preisgegeben, als Kommunist wurde er vor dem Zweiten Weltkrieg im damaligen Polen aus politischen Gründen wiederholt verhaftet und einmal im Lager interniert.

Als federführender Akteur unter anderem der I. und II. Krakauer Gruppe schrieb er Kunstgeschichte vor und nach dem Krieg, indem er sich durch experimentelle und avantgardistische Ansätze und Formensprachen dem Mainstream entzog. In seinen Künstlergruppen, die prägend für die bildende Kunst in Polen waren, durchdrungen von Hoffnungen eines kommunistischen Idealismus, rang er mit der Übergriffigkeit des real existierenden Sozialismus und widerstand den Anmaßungen eines sozialistischen Realismus in der Kunst, dem er sich mit seiner Kunst widersetzte.

Stern, nach dem Krieg einer der letzten Juden Krakaus, erachtete es als selbstverständlich, dort, wo er gelernt hatte, selber andere zu unterrichten und als leidenschaftlicher Dozent ebenso selbstverständlich für seine Studenten gefilten Fisch zu kochen.

Die Emigration der Frankels nach Israel hielt er für einigermaßen verrückt. Das Auswandern deutete er, ohne darüber zu richten, als eine Form von Verrat an der humanitären Aufgabe, für eine bessere Welt, die aus wahnsinnigen Fehlern gelernt hat, in Mitteleuropa zu kämpfen. Aus seinen sozialistischen Überzeugungen und Prägungen hinaus war ihm die Anlehnung Israels an die von ihm als kapitalistisch-imperialistisch verstandenen Vereinigten Staaten eher fremd.

Stern war überzeugt von der Überlegenheit und dem unerschütterlichen Beharrungsvermögen des Kommunismus gegenüber dem Antisemitismus. Vielleicht unterschätzte er, in dem Punkt wissentlich naiv, das Beharrungsvermögen und die Anpassungsfähigkeit des Antisemitismus gegenüber unterschiedlichen Systemen und Weltanschauungen.

Frei und kompromisslos, mit selbstverordneter Freiheit und Kompromisslosigkeit, praktizierte er indessen seine Kunst.

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ lautet ein Zitat aus dem wohl berühmtesten lyrischen Text zum Holocaust, Paul Celans „Todesfuge“. Dieses Gedicht entstand trotz Adornos Diktum „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“. Adorno relativierte diese interpretationsbedürftige Aussage wiederholt. Celan wurde wiederum wiederholt – ich denke: zu Unrecht – vorgeworfen, sein Text sei zu schön, zu ästhetisch.

Wenn ich Sterns Bilder sehe, muss ich unwillkürlich an Celans Text denken.

Janusz Bogucki attestierte den Kunstwerken Sterns, ihre Qualität fuße „auf dem Verschieben von abstrakten in Richtung organischer Formen, wobei auf einer emotionalen Ebene der Gemälde die Freude über eine schöne Struktur teilweise die Motive des Grauens und Leidens überlagert”.

Vielleicht ist das gerade keine emotionale Schwäche oder Inkonsequenz, sondern Ausdruck der Bereitschaft, Schönheit und Ästhetik einen Augenblick des Sieges über das Sterben zu gestatten.

Schmerz, Schrecken, Scham ergreifen einen, wenn man das Titelbild „Demütigung” anschaut. Die Erniedrigung des alten Juden durch den deutschen Soldaten oder Polizisten auf dem eingebetteten Foto ist vielleicht nicht das Ende der Geschichte – der persönlichen wie der kollektiven.
Schmerz, Schrecken, Scham sind untrennbar mit dem Überfall des nationalsozialistischen Deutschland auf Polen und all seinen Folgen verbunden.
Die individuellen Lebensgeschichten der Opfer und der Täter, der Nachfahren der Opfer wie der Täter sind durch sie ineinander verwoben und ebenso radikal getrennt.

So auch die Geschichten Polens und Deutschlands.

Umso mehr empfinden wir ungeheure Dankbarkeit für das Geschenk der späten deutsch-polnischen Freundschaft,
nach dem Massenmord an der polnischen Bevölkerung, darunter Millionen polnischer Juden, nach der Vernichtung der polnischen Intellektuellen nach 1939, nach Belzec, Sobibor, Treblinka, Majdanek und Auschwitz, nach den Massenexekutionen durch deutsche Polizeibataillone im ländlichen Raum, nach dem Warschauer Ghetto und der Zerstörung Warschaus, nach all dem.

Der Deutsch-Polnische Freundschaftsvertrag, dessen 25. Geburtstag wir am 17. Juni feiern durften, dokumentiert höchst eindrucksvoll das neue und bis dato historisch einmalige Miteinander, diese bewusste Entscheidung zur praktischen, konkreten Aussöhnung und zum Frieden, der über den bloßen Waffenstillstand hinausgeht.

 

Willy Brandts Kniefall ist es zu verdanken, dass Frieden, Versöhnung, Menschlichkeit wieder mit Deutschland in einem Atemzug genannt werden können
Ausgerechnet er tat es, der selber Exilant und Gegner der NS-Regime war. Kein Zufall.

Was auf herausragende Weise Brandt mit politischen Gesten und politischem Willen bezeugte, dem leisteten andere – Persönlichkeiten wie Jonasz Stern – auf ihre eigene Weise Vorschub. Unterschätzen wir nicht die subversive Kraft der Kunst.
Aussöhnung und Frieden sind keine Selbstverständlichkeit und keine Selbstläufer und bedürfen – diese Binsenwahrheit muss ich aussprechen – des tagtäglichen Einsatzes im Sinne ihrer Bekräftigung und Fortschreibung.
 
Dieser ging intensive Versöhnungsarbeit auf beiden Seiten voraus. Brandt und Bahr mit ihrer Neuen Ostpolitik zum einen, die Protagonisten von Solidarność und diejenigen in den Reihen der Studentenschaft und der Kirchen zum anderen, schöpferische Menschen wie Stern zum dritten waren mit ihrem jeweiligen Tun direkt und indirekt ihre Motoren.
Sie allein?

Nein. Ohne das friedliche Heer der Bürgerinnen und Bürger wäre ihrem Wirken letztlich kein Erfolg beschieden gewesen. Gedenken wir insbesondere der zahlreichen Namenlosen, die den Kampf für Freiheit und Demokratie in Polen und anderswo mit ihrem Leben bezahlt haben.

Sie kennen wahrscheinlich Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“. Dort heißt es, ich zitiere, „Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein?“.
Nein, gewiss nicht.     

Wir sind heutzutage – bei allen nicht zu leugnenden politischen Differenzen in Hinsicht auf Fragen der Flüchtlingsaufnahme oder des Umgangs mit medialer Vielfalt – Zeugen des gesellschaftlichen Gelingens der Freundschaft und des Versöhnungswerks, gerade auch in Nordrhein-Westfalen. An die 50.000 gemeinsame Projekte und 2 Mio. Jugendliche im Deutsch-Polnischen Jugendwerk, intensive bürgerschaftliche Kontakte und persönliche Vernetzungen, zwei Zivilgesellschaften in permanentem Austausch, über 180 Schulkooperationen, 90 Städte- und Kreispartnerschaften, 190 Schulpartnerschaften. Das Regionale Weimarer Dreieck Nord-Pas-de-Calais, Woiwodschaft Schlesien und Nordrhein-Westfalen erzählt die Erfolgsgeschichte eines gewachsenen Vertrauens zwischen Regionen, deren Staaten eine viel zu lange Vorgeschichte des Misstrauens, des Krieges und der Feindschaft verbindet.

Mehr als 5000.000 Bürgerinnen und Bürger polnischer Herkunft haben in NRW eine Heimat gefunden.

Der zivilisatorische Bruch der Shoah und der deutschen Besatzung ist einmalig und nicht relativierbar. Er eignet sich nicht als beliebige Folie, auf der sich die Schrecken des Hier und Heute einfach lesen lassen. Schlichte Gleichsetzungen und Ableitungen verbieten sich. Deshalb empfehle ich bei Sprüngen in die Aktualität stets Vorsicht und Behutsamkeit.

Wir stellen also fest:
Wir leben just in diesem Moment in außerordentlich unruhigen Zeiten, die die Handschrift ausufernder Gewalt, wachsender Anfeindungen der Demokratie und sich scheinbar viral verbreitender Verunsicherung tragen:
Europäische Krise, Brexit, islamistischer Terrorismus, Siegeszug des Rechtspopulismus, Europa und die sogenannte Flüchtlingskrise, Integrationsdebatte, Krieg in Syrien, Irak, Libyen, IS, der Putsch und die Folgen in der Türkei, europäisch-türkische Spannungen, europäisch-russische Eiszeit, Ukraine-Konflikt und…und…und….
In der Aufzählung dieser Krisensymptomatik, die uns erreicht hat, vergessen wir vielleicht allzu leicht, dass in anderen Teilen der Welt Krise, Gewaltexzess und völlige Unsicherheit schon seit Jahren der Normalzustand sind, ohne dass es uns und die breite globale Öffentlichkeit auch nur annährend in gleichem Maße interessiert hätte.

Und wenn wir mit großer Sorge feststellen, dass Zerstörung, enthemmte Gewalt, Radikalisierung, Barbarei und Verhöhnung der Grund- und Menschenrechte plötzlich auch mitten unter uns wohnen, vergegenwärtigen wir uns – einen Moment innehaltend – bitte, was gerade erneut in Aleppo geschieht und wie sich dort die nächste Eskalation einer inzwischen Jahre andauernden menschengemachten Katastrophe vollzieht. Einer Katastrophe, die unter anderem Folge des jahrzehntelagen politischen Dramas im Nahen Osten, fragwürdiger westlicher Außen- und Geopolitik, mangelnder europäischer Ge- und Entschlossenheit und eines weitestgehend gescheiterten Arabischen Frühlings ist.

Diktaturen und autoritäre Regime, die Grund- und Menschenrechte zur Disposition stellen, sind, so scheint es, der Schrittmacher, und die Demokratie schaut ungläubig-staunend, aber weitgehend tatenlos zu und reibt sich die Augen, wie ihr geschieht.

Wenn es uns auf Dauer und möglichst bald beginnend nicht gelingt, Europa wieder als Wertgemeinschaft mit gemeinsamer Außen- und Flüchtlingspolitik, mit Einsicht in den Wert von Solidarität und mit dem Willen zu sozialer Gerechtigkeit und gleichberechtigter gesellschaftlicher Teilhabe in Europa sichtbar und erlebbar werden zu lassen, dann wird Europa in nicht allzu ferner Zeit nur noch ein ökonomisch geleiteter Interessenverband des kleinsten gemeinsamen Nenners und eine kulturlose Hülle sein, die den gefälligen Identifikationsangeboten des Nationalismus und Populismus nichts Ebenbürtiges entgegensetzen kann.

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Sterns Werkschau jenseits von Populismus und Nationalismus zeichnet aus, dass sie sowohl hier in Solingen als auch in Krakau zu sehen sein wird, dass so das Band der Humanität und der Verständigung in einer Landschaft des friedlichen Miteinanders unter den Vorzeichen der Begegnung und des Sich-umeinander-Kümmerns dokumentiert und tatsächlich geknüpft wird.
Sie ist per se Aufforderung, durch Möglichkeiten der Präsentation und Ausstellung der Kunst Raum und Sichtbarkeit zu verleihen.

Ein Werk wie das von Stern macht den Tod, den Massenmord, das Unrecht nicht ungeschehen.

Es heilt nicht Wunden so, als wären sie nie da gewesen, es gewährt aber andere Form der Heilung.

Es schafft Erinnerung und bewahrt Spuren gelebten, vernichteten Lebens.

Es wahrt Würde und schafft mit diesen Spuren die Chance einer besseren Welt, die das Leben verteidigt und nicht dem Tod verschrieben ist.

Diese Kunst kann die in deutschem Namen und im Geiste des Nationalsozialismus Ermordeten nicht wieder lebendig machen, kann den Schmerz der Angehörigen und Nachgeborenen nicht tilgen, kann den Verlust nicht übertünchen.

Sie ist jedoch eine ungeheure Kraft im Modus des Danach, des Lebens danach, das uns Verpflichtung und Auftrag ist – im Gedenken an eine Vergangenheit, die nicht vergeht!

Ein bruchloses Anknüpfen an die Zeit davor, vor der Vernichtung, ist unmöglich, aber Leben im Zeichen der Humanität – im Gedenken an diejenigen, die nicht mehr unter uns sind, und im Gedenken an den Untergang des Menschlichen – ist wieder möglich.

Unsere gesellschaftliche wie politische Verantwortung lautet, künftig vermehrt den Bildern, Skulpturen, Assemblagen verfolgter Künstler Zeiten und Orte der Anschauung, den Worten verfemter Künstler Gehör zu verschaffen.

Unsere politische Verantwortung ist daher weiterhin, aus eben diesem Grunde die deutsch-polnische Freundschaft zu vertiefen, jeder Form des Antisemitismus, jedem völkischen Denken, jeder Verspottung der Demokratie und jedem Vernichtungswillen entschieden zu trotzen und mit mehr Energie als je zuvor Europa als Wertegemeinschaft zu bauen.

Wir sollten uns stets daran erinnern, dass das einige Europa eine Landschaft nach der Vernichtung ist.

Dieser Verantwortung folgen wir nicht nur für die heute Lebenden und unsere Nachkommen.
Indem wir so handeln, so handeln müssen, üben wir auch Gerechtigkeit gegen Jonasz Stern und jene Frau, die ihm dereinst nach Tod und Wiedergeburt in der unmenschlichsten aller möglichen Welten Hand, Brot und Kleidung reichte.